Die Unsichtbaren
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Die Unsichtbaren (Raspando la Cruz)

Deutsch von Almuth Fricke

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Im siebzehnten Jahrhundert hoffte man auf eine allgemeine Reform des Wissens, der Lebensformen und des religiösen Empfindens in einem Klima außerordentlicher spiritueller Erneuerung, beherrscht von der Idee eines unmittelbar bevorstehenden Goldenen Zeitalters. [...] In diesem Klima erscheint 1614 eine anonyme Schrift unter dem Titel Allgemeine und General Reformation der gantzen weiten Welt [...]. Der letzte Teil ist ein Manifest, betitelt Fama Fraternatis R. C., in dem die mysteriöse Bruderschaft der Rosenkreuzer ihre Existenz offenbart und Auskunft über ihre Geschichte sowie ihren mythischen Gründer Christian Rosenkreutz gibt. Ein Jahr darauf, 1615, erscheint, zusammengebunden mit der deutsch verfaßten Fama, ein zweites, diesmal lateinisch geschriebenes Manifest, betitelt Confessio fraternitatis Rosae Crucis. Ad eruditos Europae.

Das erste Manifest gibt dem Wunsche Ausdruck, daß auch in Europa eine Gesellschaft entstehen möge, welche die Regierenden dazu erziehe, alles zu lernen, „was Gott dem Menschen zu wissen zugelassen“. [... ] Beide Manifeste insistieren auf dem geheimen Charakter der Bruderschaft und auf dem Umstand, daß ihre Mitglieder sich nicht zu erkennen geben dürfen. Um so zweideutiger muß daher der Appell am Ende der Fama anmuten, der alle Gelehrten Europas auffordert, mit den Verfassern des Manifests in Kontakt zu treten: „Obwohl weder wir noch unsere Versammlung bisher unsere Namen genannt haben, werden wir unverzüglich die Meinung aller erfahren, gleich, in welcher Sprache sie ausgedrückt wird; auch soll keinem, der seinen Namen wird angeben, daraus ein Nachteil erwachsen, wenn er sich mit unsereinem entweder mündlich oder, falls ihm dies je bedenklich erscheinet, schriftlich austauscht... Es soll auch unser Gebäude (selbst wenn es hunderttausend Menschen von nah gesehen hätten) der gottlosen Welt unzugänglich, unzerstört, unbesichtigt und gar wohl verborgen bleiben.“

Fast unmittelbar darauf werden überall in Europa Appelle an die Rosenkreuzer geschrieben. Fast niemand behauptet, sie zu kennen, niemand bekennt sich zu ihnen, aber alle geben irgendwie zu verstehen, daß sie mit ihrem Programm voll übereinstimmen. Dabei legen einige übergroße Bescheidenheit an den Tag, wie der Leib­arzt Kaiser Rudolfs II., Michael Maier, der in seiner Schrift Themis aurea (1618) versichert, daß die Bruderschaft zwar real existiere, aber daß er selbst zu unbedeutend sei, um ihr jemals angehört zu haben. Freilich gehört es, wie Yates bemerkt, zum gewohnten Verhalten der Rosenkreuzer, nicht nur zu beteuern, daß sie keine Rosenkreuzer seien, sondern auch, daß sie noch niemals einen Angehörigen der Bruderschaft zu Gesicht bekommen hätten.

Als dann 1623 in Paris Plakate auftauchen - natürlich anonyme -, auf denen mitgeteilt wird, daß die Rosenkreuzer ihr Hauptquartier an die Seine verlegt hätten, löst die Nachricht wüste Polemiken aus, und sie werden als Satansanbeter verteufelt. Descartes, der auf einer Reise nach Deutschland - wie es heißt - versucht haben soll, mit den Rosenkreuzern in Kontakt zu treten (aber vergeblich), wird bei der Rückkehr nach Paris verdächtigt, der Bruderschaft anzugehören, und zieht sich mit einem meisterhaften Kunstgriff aus der Affäre: Da einer verbreiteten Ansicht zufolge die Rosenkreuzer unsichtbar waren, läßt er sich bei vielen öffentlichen Gelegenheiten sehen und widerlegt so die Gerüchte über ihn [...]. Ein gewisser Heinrich Neuhaus veröffentlicht 1623 (nach einer ersten lateinischen Fassung, die 1618 in Danzig erschien) ein Advertissement pieux et utile des frères de la Rose-Croix, worin er sich fragt, ob es sie gebe, wer sie seien und woher sie ihren Namen hätten, und er schließt mit dem bemerkenswerten Argument: „Gerade, daß sie ihre Namen wechseln und verbergen, daß sie ihr Alter verschleiern, daß sie nach eigenem Bekenntnis daherkommen, ohne sich kenntlich zu machen, erlaubt keinem Logiker zu verneinen, daß sie notwendig in natura existieren müssen.“

Es würde lange dauern, wollte man die Fülle jener Bücher und Schriften versammeln, die sich gegenseitig widersprechen und bei denen es sogar vorgekommen sein soll, daß ein und derselbe Autor unter zwei verschiedenen Pseudonymen einmal für und einmal gegen die Rosenkreuzer geschrieben hat. [...] Aber das zeigt uns, wie gespannt die Lage gewesen sein mußte, wenn ein simpler und in Wahrheit ziemlich obskurer und zweideutiger Appell zur geistigen Erneuerung der Menschheit genügte, um die paradoxesten Reaktionen auszulösen, als hätten alle nur auf ein entscheidendes Ereignis gewartet, auf eine erlösende Initiative aus einem anderen Bereich als dem der offiziellen Kirchen beider Seiten. Es war ja sogar die Meinung vertreten worden, daß die Jesuiten, die zu den schärfsten Gegnern der Rosenkreuzer gehörten, in Wahrheit die Rosenkreuzer erfunden hätte, um Elemente katholischer Spiritualität in die protestantische Welt einzuschleusen [...].

Schließlich, letzter paradoxer Aspekt der Geschichte (und sicherlich ihr bezeichnendster): Der schwäbisch-protestantische Pfarrer Johann Valentin Andreae und alle seine Tübinger Freunde, die sofort verdächtigt worden waren, die Autoren der Manifeste gewesen zu sein, verbrachten ihr restliches Leben damit, die Sache entweder abzustreiten oder sie als bloßen Studentenjux zu verharmlosen.

Umberto Eco: Die Suche nach der vollkommenen Sprache (Kap. 8 Die magische Sprache).

                              Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber

                              © C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung,

                              München 1994.  

 

Personen

 

  • WECK

  • ADOLF, Wecks Gefolgsmann

  • DORITA, Wecks Geliebte

  • HERR VOGEL, Wecks Nachbar

  • FRAU VOGEL, seine Frau

  • TRAUMA, Wecks Schwester

  • BRUNO, Wecks Freund

  • MANSILLA, deutscher General

  • HILDA,  Hotelbesitzerin

  • RUBIN, ihre Tochter

  • BETTLER

  • CERDA (auf gut deutsch: SAU)

Schauplatz: Prag 1939

Wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg auslöste.

Die Zeit schreitet voran bis zur Szene XIII, die sich am 1. September 1939 ereignen wird, als die deutschen Truppen die polnische Grenze überschreiten. Ab dieser Szene läuft die Zeit rückwärts: in umgekehrter Reihenfolge sehen wir zum zweiten Mal die (veränderten) Szenen, bis wir zur letzten Szene (chronologisch gesehen der ersten) gelangen, bei der es sich um einen Vorfall handelt, der vor der ersten Szene stattgefunden hat und den wir leider nicht früher sehen konnten, als es noch rechtzeitig gewesen wäre.

Die Szenen spielen an verschiedenen Orten in Prag und in einem Hotel in der Umgebung, aber es gibt praktisch keine Requisiten.

Vollkommene Dunkelheit. Man hört ein Flugzeug vorüberfliegen. Stille. Das unbeirrbare Ticken einer Uhr. Man hört eine Stimme. Wir wissen nicht, wer spricht. Es ist wichtig, daß die gesamte Szene im Dunkeln bleibt, wodurch die Personen unsichtbar sind.

WECK   Das war das letzte Mal, daß ich aufgewacht bin, denn seitdem konnte ich nicht mehr schlafen. Man kann eine Nacht lang wach liegen, zwei Nächte. Drei. Wie viele? Meine Geschichte wird enden, wenn meine Schlaflosigkeit aufhört. Sie endet, wenn ich sterbe oder wenn ich mich endlich in dieses Bett mit weißen Laken fallen lasse, besiegt. Wer sind all die anderen, wer sind die anderen Figuren in meinem Drama? Ich bin mir nicht sicher. Ich habe seitdem die nutzlose Abfolge von Tagen und Nächten gesehen, eine absurde Folge, an der sich nichts ändert. Außer in den Köpfen derer, die geschlafen haben und glauben, an einem anderen Ort erwacht zu sein, unheimlicher oder behaglicher noch als in den eigenen Träumen. Ich habe nicht wieder geträumt. Seit dem bewußten Tag, versteht sich. Wir befinden uns in Prag, Ende August 1939. Mein Name ist Weck und mir macht es nichts aus, ihn zu nennen. Die Ereignisse, die wir sehen werden, werden in den Tagen geschehen, als ich keinen Schlaf finden konnte. Wir sprechen alle Tschechisch, oder Deutsch, aber wir werden übersetzt. Ich halte es für angebracht, damit zu beginnen, daß ich Dorita während dieser fürchterlichen Wache kennenlernte. Es ist eine schwere Zeit. Viele sehen den Krieg kommen. Dorita sagt, sie liebt mich. Ich weiß nicht. Sollte sie wirklich darauf bestehen, mich zu lieben, trotz all dem, würde ich sie zweifellos töten. Es erübrigt sich zu sagen, daß sie mir nichts bedeutet.

ADOLF   Unterbrich mich nicht.

WECK   Ich unterbreche nicht. Ich sage nichts weiter, als was ich davon halte.

ADOLF   Das ist hier nicht die Frage. Wir alle wissen, was du davon hältst. Stille Und wie würdest du es anstellen, sie zu töten?

WECK   Ich würde sie von irgendeinem gemeinsamen Freund umbringen lassen.

ADOLF   Habt ihr gemeinsame Freunde?

WECK   Viele. Dich, zum Beispiel.

ADOLF   Natürlich. Stille Wir alle mögen sie sehr. Ich glaube nicht, daß irgend jemand sie töten möchte.

WECK   Ich auch.

ADOLF   Auch was? Stille. Das Licht geht an und macht die Personen der zweiten Szene sichtbar. Das Licht ist nie allzu intensiv. Sepiafarbend, gelblich.

HERR VOGEL   Und ich sagte zu ihr: ist es nicht seltsam, daß wir nach all dieser Zeit nicht einmal zusammengesessen haben, um wenigstens einen Kaffee zu trinken?

FRAU VOGEL   Und ich sagte zu ihm: nein, es ist nicht seltsam, vor allem, wenn man bedenkt, daß wir sie nie eingeladen haben. Noch Zucker? Prag ist solch eine merkwürdige Stadt.

DORITA   Ja, danke.

FRAU VOGEL   Wir kommen aus Tzchkvsk. Aber hier kann man das nicht aussprechen.

HERR VOGEL   Aus der Nähe von... aus der Umgebung von Tzch...

FRAU VOGEL   Aber ich nehme an, wir alle sind ein wenig fremd in diesem Land. Oder?

HERR VOGEL   Und ich sagte zu ihr: Ist es nicht seltsam? Ich sah mich für mich selbst sagen - sagt man „für mich selbst”? -: was mag das sein, was uns von den Freunden entfernt?

WECK   Wir sind keine Freunde.

HERR VOGEL   Natürlich, dazu hat es keine Gelegenheit gegeben.

WECK   Es fällt mir die ganze Zeit schon auf, wieviel Zeit Sie benötigen, um Ihre Tasse umzurühren.

HERR VOGEL   Ja, es ... es verdient Aufmerksamkeit. Es ist etwas, was ich... die Tasse, meine ich. Ich denke an diese Tasse, nicht wahr, die immer noch da sein wird, wenn ich nicht mehr bin.

FRAU VOGEL   Genauso wie bei dem vorigen Nachbarn, erinnerst du dich? Die vorher in Ihrem Haus gewohnt haben, noch nicht mal einen Meter entfernt, also, das jetzt Ihnen gehört, aber vorher... Wie dumm, wie nervös ich werde!

Keiner spricht. HERR VOGEL rührt wieder seine Tasse um.

HERR VOGEL   Auch wenn sie zerbricht. Selbst die Porzellanstücke halten länger als man selbst.

FRAU VOGEL   Sie werden es nicht glauben, aber wir lebten fast Seite an Seite und hatten nie mehr als die Eingangshalle gesehen.

DORITA   schaut das Haus an Nun gut, das Haus ist genauso wie dieses. Gleich, nur als würde man es in einem Spiegel sehen.

FRAU VOGEL   Was wollen Sie damit sagen?

DORITA   Ein Spiegel.

FRAU VOGEL   Es muß an der Sprache liegen.

HERR VOGEL   Er war im Krieg, Helmut. Mit den Deutschen, natürlich.

FRAU VOGEL   Mit den Deutschen oder gegen die Deutschen? Denn das ist nicht dasselbe.

HERR VOGEL   Aber für wen hat das jetzt noch Bedeutung.

FRAU VOGEL   Natürlich. Darum sage ich ja, daß es an der Sprache liegt. Man hört soviel auf Deutsch reden. Ein Krieg ist ein Krieg, nicht wahr? Und keiner kümmerte sich darum, stimmt’s? Werden Sie für ein ganzes Jahr verlängern?

DORITA   Nun, das Haus ist angenehm. Es ist ein ruhiger Ort.

HERR VOGEL   Absolut. Der Bruder von ihr sagt immer zu mir: dort ist es so ruhig. Finde heraus, ob das Häuschen nebenan nicht zu vermieten ist, das mit den schwarzen Gittern, sagt er mir. Find es heraus.

FRAU VOGEL   Er arbeitet für Versicherungen.

HERR VOGEL   Und wo sie zwei Jungs haben... Stellen Sie sich nur vor. Pause

WECK   Ich kann mir gar nichts vorstellen. Pause

HERR VOGEL   Einer der Söhne will studieren... und der andere... Pause Stellen Sie sich  nur vor.

DORITA   Sie haben den gleichen Kamin wie wir. Nur etwas fröhlicher, mit soviel Schmuck...

FRAU VOGEL   Ja, von jeder Reise bringen wir ein Erinnerungsstück für den Kamin mit. Kunstpostkarten, Mamuschkas, dieses Pferd ist aus Norwegen...

DORITA   Wir haben nicht viele... Nicht wegen mir... Ich liebe Nippes.

FRAU VOGEL   Ja, man merkt, daß Herr...

WECK   atmet tief durch Weck.

FRAU VOGEL   ...Weck nicht viel Sinn für... Und heutzutage gibt es alle möglichen Karten! Warten Sie einen Moment, ich werde Ihnen eine ganz unglaubliche zeigen. Sie geht ab, um sie zu holen.

HERR VOGEL   Ihr Bruder hat sie ihr geschickt. Sie werden es nicht glauben. Die Geschäfte... laufen? Oder? Schweigen Er war in Amerika. Was es nicht alles gibt!

WECK   Sie laufen.

HERR VOGEL   Schön und gut. Es ist so schwierig, in diesen Zeiten eine einträgliche Tätigkeit zu finden. Den Versicherungen geht es immer schlechter. Bei all den Attentaten, die verübt werden. Sie waren in Amerika, aber wer weiß, ob sie noch einmal so eine wichtige Reise machen werden können. Amerika ist wichtig, Rußland ist wichtig, es gibt solche und solche Länder, nicht wahr? Was sie wollen, ist sich an einem ruhigen Ort einmieten, verstehen Sie mich?... Die Geschäfte laufen also mehr oder minder gut... Und Sie, Sie befassen sich mit...?

WECK   Gehen wir?

HERR VOGEL   Aber Sie sind doch gerade erst gekommen! Zu FRAU VOGEL Sie möchten gehen. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache.

FRAU VOGEL   Zuvor müssen Sie noch diese gesehen haben Greift zu der Weihnachtskarte Sie werden es nicht glauben.

Sie öffnet sie. Man hört ein Murmeln, wie eine Drohung oder wie ein Wiegenlied

DORITA   Wie interessant. Was sagt sie?

FRAU VOGEL   Etwas auf Englisch. Es ist ein Gesäusel, sagte August, mein Bruder. Und sehen Sie nur: ganz flach. Wo nur die Batterien sind? Es ist ein Geheimnis. Nehmen Sie.

HERR VOGEL   Heutzutage wird in Amerika immer mehr Spanisch gesprochen, sagt der Bruder von ihr, der mit Versicherungen arbeitet. August.

FRAU VOGEL   Noch einen Kaffee?

WECK   Wir gehen. Danke. Will seinen Regenmantel anziehen

DORITA   Es ist ein schönes Geschenk. Sie behält die Karte

FRAU VOGEL   Aber... warum bleiben Sie nicht noch auf einen Guadalupe?

HERR VOGEL   Sie macht ihn selbst.

DORITA   Wirklich... wir müssen gehen.

HERR VOGEL   Ja, ich sehe schon, daß man Sie buchstäblich aus dem Haus zerrt.

DORITA   Es ist, daß heute abend...

HERR VOGEL   Ich frage nicht danach, was heute Abend passiert, noch interessiert es mich. Es ist nicht das, wonach ich frage.

FRAU VOGEL   Natürlich, es ist ein Mißverständnis...

HERR VOGEL   Sie werden bemerkt haben, daß ich in keinem Augenblick etwas davon erwähnt habe, was im allgemeinen Nachts passiert.

FRAU VOGEL   Ein kleines Mißverständnis, das aber, auch wenn es klein ist, nicht weniger ärgerlich ist, Walter.

WECK   Auf Wiedersehen.

HERR VOGEL   Mit einem Schlag zerbricht er die Tasse auf dem Tisch und der Henkel  bleibt an seinem Zeigefinger hängen. Er versperrt den Durchgang an der Tür Und das ist nicht das einzige, wonach ich nicht frage. Sie werden gesehen haben, Herr Weck, daß die zwei Kamine an einer angrenzenden Wand liegen, daß die Abzugsrohre die Gespräche verstärken. Und man hört Dinge. Man hört Dinge, die man lieber nicht hören würde... Was soll das einen schon interessieren? Dinge von Tschechen, Dinge von Deutschen, Jacke wie Hose.

FRAU VOGEL   Außerdem sind Leute zu sehen. Das heißt, man sieht sie. Ich sehe Leute.

HERR VOGEL   Man macht sich seinen Reim darauf. Was ist aus dem Vorbesitzer des Hauses geworden?

WECK   Der Deutsche?

FRAU VOGEL   Man sieht sie ein- und ausgehen, ein- und ausgehen, die ganze Zeit.

HERR VOGEL   Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage weder ja noch nein, doch ist es notwendig zu wissen... wieviel Tschechen noch in Prag übrigbleiben. Sie haben sicherlich schon diesen Orden gesehen. Wir haben alle einen sehr empfindlichen, einen sehr hochgesteckten Begriff von der Ehre, die ein Mann an den Tag legen muß, von der unabwendbaren Bestimmung des tschechischen Vaterlandes.

FRAU VOGEL   Mehr noch als das, was man sieht, ist es das, was man hört.

HERR VOGEL   Wie viele Deutsche mögen wohl in dieser Stadt sein? Wie viele, die in der Lage sind, für das Reich zu stimmen? Ich verstricke mich mehr als nötig.

DORITA   Sprechen Sie vom Referendum?

HERR VOGEL   Vom Krieg, dem Krieg! Und was braut sich wohl in jenen nächtlichen Versammlungen zusammen? Und man hört, und man liest, und man sieht die Photos von den Attentaten... Wer sind Sie?

FRAU VOGEL   Ja, und ich will sagen, daß es ein Mißverständnis wegen der... Das heißt, ich habe sie geholt, um sie Ihnen zu zeigen, aber da sie von meinem Bruder ist, glaube ich, es ist nur gerecht, daß ich sie solange behalte, wie ich möchte.

WECK zieht eine Waffe und schießt sie nieder. DORITA schreit.

Licht aus

ADOLF, WECK und DORITA um Papiere auf dem Tisch versammelt; TRAUMA schläft in einem Schaukelstuhl.

ADOLF   Wurde ein Rosenkreuzer von einem Menschen gesehen, eine Sache, die an sich unwahrscheinlich ist, da die Rosenkreuzer sich rühmten, unsichtbar zu sein, war es notwendig, sich seiner zu entledigen. Des Menschen. So bewahrten sie das Geheimnis über Jahrhunderte.

WECK   Zahlen. Das sind nichts als Zahlen, die Mengen ausdrücken, die Abstraktionen sind, die nichts bedeuten, und die sich daher mittels der Zahl Null ausdrücken lassen.

DORITA   Ich weiß von vielen Waisen, die heute Nacht wohl nicht dasselbe denken. Was reimt sich bloß auf „elternlos“?

WECK   Was schreibst du?

DORITA   Es ist mein Notizbuch. Es sind Gedichte, Dinge, die mir durch den Kopf gehen. „Hin und her/ wiegen sich die Weizenfelder/ und mein Leib/ entblößt und Waise der Zärtlichkeit...“ Und hier ist ein Waise wie...

WECK   Schmeiß es fort.

DORITA   Das werde ich nicht tun. Ich will nicht. Ich habe es satt.

ADOLF   Bevor wir damit weitermachen, möchte ich, daß ihr wißt, daß ich Ulysses von Joyce gelesen habe, ohne etwas zu überspringen.

WECK   Zu TRAUMA Seit wann schläft sie schon?

DORITA   Eine Weile, nicht lange, glaube ich. Seit drei Stunden.

ADOLF   Was hat das damit zu tun, werdet ihr sagen? Nun gut: ich verspürte die Notwendigkeit, es zu sagen. Wenn ein Mensch über eine bestimmte Fähigkeit verfügt, wenn er ein wertvolles Gut erworben hat, das die anderen nicht haben, ist es richtig, daß dieser Mensch sich bewundern läßt. Stille

WECK   Wir müssen hiermit fertig werden, bevor Bruno kommt. Er könnte nicht allein kommen.

DORITA   Und was wirst du tun? WECK antwortet nicht.

ADOLF   Ja, Dorita muß wissen, was du vor hast. Dorita liebt dich.

WECK   Ich sehe, daß du dich plötzlich für Bruno interessierst.

DORITA   Das kann nicht so weitergehen. Ich habe ihm immer mißtraut. Er kam an, ohne daß wir irgend etwas über ihn gewußt hätten, nicht einen Anhaltspunkt, der sich überprüfen ließe. Ich habe Angst. Seinetwegen könnten sie dich getötet haben.

WECK   Ja. Dies Buch ist gut?

ADOLF   Es ist ein notwendiges Buch. In Richtung von Trauma Sie wird doch nicht tot sein?

WECK   Sehr gut: genau das werden wir tun. Wir machen weiter. Ich habe die Bewegungen auf dem Bahnhof beobachtet. Die Truppen werden mit dem Morgenzug ankommen.

ADOLF   Es gibt einen Blinden, der permanent Akkordeon spielt. Hast du ihn gesehen?

DORITA   Ich finde das keine gute Idee.

ADOLF   Soweit ich weiß, ist Bruno dein Freund.

DORITA   Meiner? Aber wo ich ihn doch kaum ken...

ADOLF   Seiner. Aber sie hat Recht: du solltest ihm keinen Fehler verzeihen, der uns alle in Gefahr gebracht hat.

WECK   Ich fühle mich schwach. Glaubt ihr, sie könnte im Schlaf gestorben sein?

DORITA   Und wer sagt, daß es ein Fehler war? Und wenn Bruno am Ende zu den Deutschen übergelaufen ist? Ich würde mich nicht wundern, wenn er den Anruf...

WECK   Wovon redest du?

DORITA   Weil... wir sind... Die Deutschen sind... wir sind dagegen? Oder?

WECK   Ich will nichts mehr hören. Ich bin müde.

DORITA   Wenn du versuchen würdest, ein wenig zu schlafen. Es ist so einfach...

ADOLF   Wenn du nur begreifen würdest, was sie sagt, um dich zu schützen. Niemals wurdest du so geliebt. Das ist es, was dich verwirrt.

DORITA   Ich bin nicht sicher, ob ich ihn liebe. Das ist etwas sehr intimes. Und ich bin verärgert und habe Angst. Alle spielen mit mir. Ich ende mit einer Kugel im... hier.

ADOLF   Gut. Ihr beiden könnt es nicht wissen. Das ist verständlich.

WECK   Adolf, ich bewundere deine kühle Geduld. Mehr noch als deine Freundschaft. Für den Schlaflosen ist die Geduld der anderen wertvoller als ihre Zuneigung.

ADOLF   Dorita muß auch Geduld mit dir haben.

DORITA   Ich mache unter diesen Bedingungen nicht weiter. Ich ertrage es nicht.

Die Tür öffnet sich und BRUNO kommt herein.

DORITA   Bruno!

BRUNO   Nach einer Pause So, hier bin ich.

WECK   Trauma schläft.

BRUNO   Ich habe was im Radio gehört

WECK   Ja.

BRUNO   Es sind mehr als zehn gefallen, sagten sie.

ADOLF   Zwölf.

BRUNO   Aber ihr seid nicht sehr zufrieden, oder?

WECK   legt seine Waffe auf den Tisch Nicht sonderlich.

BRUNO   Waren alle Deutsche?

DORITA   Das ist es, was ich sagen wollte... Denn... wir sind der Widerstand? Oder?

WECK   Hattest du gehofft, uns heute Nacht zu sehen?

DORITA   Wir sprechen doch eine andere Sprache, oder?

BRUNO   So wie wir es verabredet hatten, warum?

WECK   Ich möchte lieber keine Unklarheiten. Wir wissen schon das mit dem Telefon. Zehn sind gefallen, aber die anderen wurden gewarnt und konnten rechtzeitig raus. Stille

DORITA   Ich werde einen Tee machen. Geht ab

ADOLF   Ja, es waren Deutsche. Aufgrund ihres Körperbaus. Hast du Joyce gelesen, Bruno?

BRUNO   Ja und?

WECK   Wir denken, es ist ein Fehler, natürlich. Es hätte keine Sinn.

BRUNO   Es hätte keinen Sinn.

WECK   Wir ziehen es vor, weiterhin so zu denken.

ADOLF   Auf alle Fälle gibt es so viele Dinge, die keinen Sinn haben. Ich sage das, weil ich ein Beispiel zur Hand habe.

BRUNO   Aber ihr habt Verdacht geschöpft. Daß ich angerufen habe.

WECK   Versteh mich nicht falsch. Es gibt keine Verdächtigungen. Wir sind uns sicher. Aber ich werde dich nichts fragen.

ADOLF   Hört euch dies Beispiel an: ich weiß nicht, ob ihr den Bettler im Bahnhof gesehen habt. Er ist blind, vielleicht tut er nur so. Spielt den ganzen Tag auf dem verdammten Akkordeon. Man kann sich kein jämmerlicheres Schicksal vorstellen, stimmt’s? Und doch ist er dort und verdient sich einige armselige Groschen und dankt Gott dafür. Man vergleicht sich mit ihm und sagt sich: es gibt kein schlimmeres Los, das ist sicher, hier ist die Grenze. Jedoch taucht eines schönen Tages ein Schuft auf und stiehlt dem armen Mann sein Akkordeon. Der bleibt allein zurück und kauert an der gleichen Stelle. Woraus sich folgern läßt: es kann immer noch schlechter kommen.

BRUNO   Und was wirst du tun?

WECK   Spielt einen Moment lang mit der Waffe Nichts.

BRUNO   Und ich? Soll ich mich geschlagen geben, als würdet ihr mir heldenhaft für etwas verzeihen, was ich nicht einmal getan habe?

WECK   Heldenhaft ist das von Adolf, der sagt, er habe ein notwendiges Buch gelesen.

ADOLF   Langweilig, aber notwendig.

BRUNO setzt sich langsam mit dem Kopf zwischen den Händen.

DORITA   schaut hinein Möchtet ihr Tee? Bruno, was reimt sich auf „elternlos“?

WECK   Wie lange sind wir befreundet?

BRUNO   Ich weiß nicht. Eher kurz. Zu DORITA „Heckenros|’“. Ich bin froh, daß ihr nicht alle getötet habt. Stille Ich freue mich wirklich. Das ist alle, was ich sagen möchte.

WECK   Jedenfalls...

BRUNO   Nein, laß mich fortfahren. Ich kam zu Fuß, ohne zu wissen, ob ich euch antreffen würde oder nicht. Ich dachte an so viele Dinge. Die Straßen Prags haben solch... unleserliche Namen. Ich verlief mich. Einige von uns wissen, daß das, was wir tun das Richtige ist, wir wissen, was wir tun, will ich sagen. Naja, ich... nicht... mehr... Stille

DORITA   Das Wasser kocht schon. Ist es frivol, einen Tee zu trinken?

BRUNO   Und jetzt wird mir erst klar, welches Glück ich gehabt habe. Nichts weiter. Ihr hättet tot sein können oder auch nicht. Das ist alles. Es mag einfach scheinen, aber ich weiß nichts mehr hinzuzufügen.

WECK   Nur daß...

BRUNO   Hier stehe ich, allein. Euch allen gegenüber, gegenüber von Trauma, die schläft. Sie ist doch nicht tot? Sie wirkt so einfach.

DORITA   Hör mal... Hast du angerufen oder nicht?

ADOLF   Er konnte es gewesen sein.

BRUNO   Vorläufig stehen die Deutschen  nicht hier draußen.

DORITA   läuft zum Fenster. Sie späht durch die Vorhänge. Sie scheint niemanden zu sehen, aber sie beruhigt sich auch nicht. Ich werde das Wasser holen. Sie werden jetzt nicht da draußen sein, aber sie sind überall. Sogar in Polen. Geht ab

BRUNO   Also? Ich habe gesagt, was ich sagen mußte.

ADOLF   Macht, was ihr wollt. Ich ziehe mich zurück. Geht ab

WECK   Es wäre nicht das erste Mal, daß ein Freund mich verrät. Naja, wer hat auch behauptet, daß wir Freunde sind, nach all dem. Was hältst du von Vergebung?

BRUNO   Mir fällt es schwer, es auf Tschechisch zu sagen. Es ist eine viel zu übertriebene Seelenregung. Keiner möchte von sich aus vergeben. Und doch ist es eine Geste ohne Schwäche. Was hattest du mich gefragt?

WECK   Also bist du frei von jedem Zweifel und ich verzeihe dir, wenn meine Schwester jetzt erwacht. Keiner bewegt sich Es ist eine dumme Bedingung, aber eine Bedingung, und es ist gut, daß es so ist. Keiner bewegt sich. Das heißt, die Geste der Vergebung gewinnt vor Zeugen an Würde. Andernfalls ist es eine vergebliche Geste. Nur wenn sie erwacht, wie eine Auferstehung. Sie erwacht nicht

BRUNO   Die Vergebung ist schwach, klar. Pause Und wenn sie nicht wach wird?

WECK   nimmt die Waffe und steckt sie weg Nun gut. Der Zug der Generäle. Morgen. Die Vorgehensweise ist die gleiche: Trauma und ich im Westflügel. Die Detonation erfolgt nach dem dritten Pfeifen, vorausgesetzt, ich gebe keine Warnung, daß Gefahr besteht.

BRUNO   zittrig, ergeben Verzeih, mein Gott, ich zittere. Wir sind so schwach, manchmal.

WECK   Schwach. Will abgehen, bleibt vor TRAUMA stehen Im Schlaf sind wir am schwächsten. Aber der Schlaf gibt neue Kräfte. Darum ist er notwendig. Es ist morgen. „Morgen“ für euch. „Heute“ für mich, der ich keine Nächte habe. Geht ab. BRUNO nähert sich TRAUMA. Er sagt ihr etwas ins Ohr. BRUNO scheint eine Antwort zu erwarten. TRAUMA schläft weiter. Licht aus.


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